Mobbing etc.: Konkurrenz unter Lohnabhängigen

Die Ausgangslage

Wenn alles in dieser Gesellschaft Geld kostet, man also nur dann an Essen, Obdach und sonstiges rankommt, wenn man den Unternehmen Geld rüberschiebt, dann sind Menschen, die über kein bzw. nicht genügend Geld verfügen, ausgesprochen schlecht dran: denn sie sind von allen nützlichen und lebensnotwendigen Gütern, die sich in den Regalen stapeln, ausgeschlossen1. Und das ist nichts, was nur Wenige betrifft. Im Gegenteil: mit dieser Situation sind die meisten Gesellschaftsmitglieder konfrontiert. Die Tatsache, über kein bzw. nicht genügend Geld zu verfügen, macht sie zu Lohnabhängigen: zu Menschen, die nur dann an etwas Geld kommen – und immer nur häppchenweise -, wenn andere sie einstellen. Eingestellt wird man dabei nicht, weil es Unternehmen mit einem so gut meinen und sie deshalb gerne Lohn zahlen. Vielmehr ist der Lohn das Mittel der Unternehmen sich fremde Arbeit untertan zu machen, auf dass diese unter dem Kommando des Unternehmens stehend den Reichtum des Unternehmens mehre. Damit das aufgeht, muss der Lohn natürlich niedriger sein als der Wert der von den Lohnabhängigen produzierten Waren und Dienstleistungen2. Und je niedriger der Lohn, umso besser für das Unternehmen, denn umso höher die Differenz zwischen Lohnkosten und erzieltem Umsatz, umso höher also der Gewinn. Es ist diese Tatsache, die für westliche Unternehmen nicht nur asiatische Sweat Shops attraktiv macht, sondern auch eine radikale Lohnsenkungspolitik vor Ort.

Die Lohnabhängigen, also jene, die kein oder nicht genügend Geld haben, um an nützliche und lebensnotwendige Güter ranzukommen, und daher sich selbst prostituieren müssen, haben keine anderen Wahl, als sich den Unternehmen zu beugen: den qua Privateigentum3 Verarmten bleibt nichts anderes übrig. Ihr einziges Mittel im Überlebenskampf ist der mit einem Arbeitsplatz verbundene Lohn; gleichzeitig aber ist der Lohn gar nicht ihr Mittel, sondern das des Unternehmens. Das zeigt sich deutlich, wenn man betrachtet, wer über die Lohnhöhe entscheidet. Das heißt, Lohnabhängige sind dazu gezwungen, im Überlebenskampf auf ein Mittel zu setzen, das gar nicht ihres ist. Ob das Mittel sich bewährt, liegt ganz bei den Unternehmen – und es bewährt sich, wie oben geschildert, immer nur als Mittel der Unternehmen sich fremde Arbeit untertan zu machen zum Zwecke des Gewinnemachens und -steigerns.
Das heißt im Klartext gesprochen nichts anderes, als dass das Überleben von Lohnabhängigen daran hängt, ob Unternehmen es als attraktiv betrachtet, sie auszubeuten: nur dann gibt es einen Lohn.
Das alleine sollte Lohnabhängigen deutlich mitteilen, dass die Marktwirtschaft eine Wirtschaftsweise ist, die ihnen nicht gut tut. Doch leider kommt es noch schlimmer.

Lohnabhängige konkurrieren untereinander darum, ausgebeutet zu werden

Wie bekannt sein dürfte, gibt es immer weniger Jobs. Im Zuge der Lohnkostensenkungen haben die Unternehmen Arbeitsplätze abgebaut. Das heißt, dass die Lohnabhängigen damit konfrontiert sind, dass es immer weniger Arbeitsplätze gibt, auf denen sie sich durch Demonstrieren ihrer Ausbeutbarkeit über Wasser halten können.
Dadurch wird unter den Lohnabhängigen eine verheerende Konkurrenz in die Gänge gesetzt: Sie, die eigentlich alle in derselben Lage sind und daher ein gemeinsames Interesse an der Abschaffung des Systems haben sollten, werden vom System dazu gezwungen, gegeneinander zu konkurrieren. Wer bei der Konkurrenz um die Arbeitsplätze verliert, also nicht von einem Unternehmen ausgebeutet wird, verarmt komplett. In sogenannten Entwicklungsländern ist das knallharte Urteil von Unternehmen – wir wollen dich nicht ausbeuten, sondern lieber deinen Kollegen – identisch mit einem Todesurteil; in den sogenannten westlichen Ländern fristen Lohnarbeitslose ihr Dasein unter der Armutgrenze, verwaltet und gepiesackt vom kapitalistischen Staat – und es ist der Staat, der seinen kapitalistischen Standort dadurch weiter aufbaut, dass er hier immer weiter kürzt, also Lohnarbeitslosen “Beine macht”, indem er sie immer weiter veramt: billige Lohnabhängige wünscht sich die Wirtschaft4. Das verstärkt natürlich auch den Druck für Lohnabhängige, die noch einen Arbeitsplatz a.k.a. Ausbeutungsplatz ihr eigen nennen.

Weil das eigene erbärmliche Überleben als Lohnabhängiger also daran hängt, von Unternehmen ausgebeutet zu werden, konkurrieren Lohnabhängige untereinander. Wenn bei einem ‘super’ Jobabgebot 10 Lohnabhängige darum konkurrieren, ausgebeutet zu werden, kann nur einer Gewinner sein. Der Gewinn besteht darin, für einige Zeit vom Unternehmen ausgebeutet zu werden und es dadurch reicher zu machen – und der Lohn reicht immer nur für einen Monat, so dass man dann gleich wieder brav zur Ausbeutung antreten muss (der Lohn ist in Wahrheit, wie oben schon skizziert, eben ein Mittel des Kapitals). Aber das funktioniert nur so lange, bis ein anderer Lohnabhängiger dem Unternehmen attraktiver erscheint: dann wird man durch diesen ersetzt. Oder aber das Unternehmen baut aus Renditeüberlegungen heraus den Job ab usw. D.h. der Gewinn – der sowieso nur darin besteht, be- und ausgenutzt zu werden -, ist immer nur ein kurzfristiger, die Konkurrenz nimmt nie ein Ende. Morgen schon kommt vielleicht ein verzweifelter Lohnabhängiger daher und bietet dem Unternehmen an, zu einem noch viel niedrigeren Lohn ausgebeutet zu werden. Und das tut der nicht, weil er den derzeit Beschäftigten Böses will, sondern da er qua Privateigentum verarmt ist und ums Überleben kämpft. Das System zwingt die Lohnabhängigen zu diesem Verhalten.

Mobbing etc.: Auswüchse der Konkurrenz unter Lohnabhängigen

Dieser Tage rauscht es im österreichischen Blätterwald: Konflikte im Job so heftig wie noch nie [...] Es wird brutal gestritten, weggeschaut und nach dem Ich-bin-ich-Prinzip dreingehauen.5 Die grundlegende Ursache wird dabei aber so gut wie nie angesprochen: die eben skizzierte, vom System erzwungene, Konkurrenz unter Lohnabhängigen. Denn in Wahrheit sind Mobbing und Co. nur die Auswüchse eines Systems, in dem Lohnabhängige vom System dazu gezwungen werden, gegeneinander zu konkurrieren.
Die einen versuchen, ihre Ausbeutung durchs Unternehmen auf Dauer zu stellen, indem sie mehr arbeiten als die Kollegen, gratis Überstunden machen, auch von zuhause noch arbeiten – bis zum Burnout. Die anderen legen da noch eins drauf und schwärzen ihre Kollegen an, bei anderen Kollegen und vor allem beim Chef. Sinn und Zweck: “Wenn die anderen alle schlecht aussehen, sehe ich gut aus und werde hoffentlich weiterhin vom Unternehmen be- und ausgenutzt”. Auch nicht selten versuchen Lohnabhängige ihre Kollegen dadurch auszustechen, indem sie sie psychisch fertig machen.

Lohnabhängige, die den Fehler machen, Arbeits- a.k.a. Ausbeutungsplätze als riesengroße Chance a la “Vom Tellerwäscher zum Millionär” zu betrachten und/oder als ausgezeichnete Vorbedingung zur Selbstverwirklichung, lassen es auch dann noch nicht bleiben. Über die allgemeine Unterordnung der Lohnabhängigen unters Kapital hinaus – dieser entgeht, wie nach dem bisher gesagten deutlich sein sollte, niemand – , verinnerlichen sie diese Unterordnung, die sie objektiv betrachtet schädigt, mental und auch gefühlstechnisch. Jede Kritik am Unternehmen wird von ihnen als Kritik an ihnen gedeutet. Weit entfernt davon, Chef zu sein, hat sich die Perspektive des Unternehmenschefs in ihrem Hirn und ihrem Herz eingenistet. Diese Lohnabhängigen setzen nicht nur aus Konkurrenzgründen aufs sich Überbieten, Anschwärzen, Mobbing und Co., sondern aus Prinzip. D.h. dass sie diese Verhaltensweisen auch dann an den Tag legen, wenn es das System ausnahmsweise in dieser Radikalität gar nicht erzwingt, also z.B. auch dann, wenn bekannt ist, dass die Arbeitsplätze der Abteilung die nächsten drei Jahre relativ sicher sind.

Moralische Appelle nützen nichts

Man könnte nun an alle Lohnabhängigen moralisch appellieren: Lasst doch dieses Konkurrenzverhalten bleiben. Doch wie oben skizziert, erzwingt das System das Verhalten. D.h. mit moralischen Appellen kommt man nicht weit. – Damit soll nun nicht diesem schädigenden Verhalten das Wort geredet werden; sondern festgehalten werden, dass es einer Änderung des Systems bedarf, will man diese brutalen Vorgänge stoppen.

  1. Was ein klarer Hinweis ist, dass es in der Marktwirtschaft nicht um Bedürfnisbefriedigung geht, sondern der Zweck des Wirtschaftens die Geldvermehrung ist.
  2. Man nennt das auch Ausbeutung: Unternehmen beuten Arbeitnehmer aus, eigenen sich Mehrarbeit.
  3. Es ist das Recht auf Privateigentum im Allgemeinen und das an Produktionsmitteln (Fabriken etc.) im Besonderen, das es ermöglicht, die Menschen zu erpressen: Geld oder Leben! Wenn du mir, dem Privateigentümer der Semmelfabrik, kein Geld für die Semmel rüberschiebst, dann (ver)hungerst du!
  4. Doch niedrige Löhne ist auch kein “Garant” für Jobs, wie man in sog. Entwicklungsländern sieht. Und für Lohnabhängige ist diese Politik sowieso schädlich: ‘Wenigstens ein Job, wenn auch kein ein Lohn’ – das ist eine Absurdität, die sich Lohnabhängige nicht zu eigen machen sollten, aus Selbstschutz
  5. derstandard.at
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2 Comments

  • Mars
    28. Dezember 2011 - 10:01 | Permalink

    Es gibt auch Mobbing von Kapitalisten, Chefs, … gegen Arbeiter und Angestellte.
    Das ergibt sich aus deren Kommandogewalt über die gekaufte Arbeitskraft.

    • 28. Dezember 2011 - 23:36 | Permalink

      Du hast natürlich vollkommen recht. Das wurde in dem Artikel vernachlässigt. Es wird demnächst ein eigener kurzer Beitrag dazu erscheinen.

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